Encyclopedia of Romantic Nationalism in Europe

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1814 – Grimm, Jacob: (Die Elsässer)

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    Rheinischer Merkur, 6 August 1814, following identification by Berthold Friemel, “Unpreußische Ansichten: Dokumente und Tatsachen zum politischen Engagement der Brüder Grimm 1813-1815”, Brüder Grimm Gedenken 11 (1995).

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    Word Count: 26

  • GermanHistorical background and contextDisquisition
  • Year
    1814
    Author
    Grimm, Jacob
    Title (translation)
    On Alsace
    Title (original)
    Die Elsässer
    Notes

    An anonymous contribution to Görres’s Rheinische Merkur (6 August 1814, nr. 98) when the future of the Alsace was deliberated at the Congress of Vienna. Grimm, who was part of the Hessian delegation in Vienna, anomymously “leaked” pieces to the Rheinische Merkur of an anti-aristocratic and German-national nature, which were editorially synthesized by Görres; in this piece he argues that reports of anti-German, pro-French feelings in the Alsace are (if they are representative of true public opinion at all) either a result of peasants’ lack of interest in large-scale public affairs or a result of recent history and mistrust against the aristocratic aspect presented by the other German lands. The implication is that aristocratic rule ought not to dominate the future of a united Germany, and that the deeper German nature and loyalty of the Alsatians will assert itself in due course as matter of natural proclivity.

    Word Count: 147

    Text (original)

    Ein solcher gesunder, haltfester Schlag Menschen sind auch die Elsasser; seit er vor mehr als hundert Jahren schmählich von Kaiser und Reich im Stich gelassen war, hat er sich selbst beygestanden, Sprache Sitte und Trachten aufrecht erhalten, welches nicht beschrieben, sondern nur mit Augen angeschaut werden kann, weil es bis in die Miene, Redensarten, Hausgeräth und Einrichtung der Stuben geht. Fragt man nach der Sprache, die Teutsche ist überall die herrschende, selbst unter de Vornehmen die häusliche, trauliche; dass mehr französisch als vor fünfzig Jahren gesprochen wird folgt unvermeidlich, besonders aus der alles mischenden, mengenden Revolution; leicht aber ist verhältnissmässig mehr französisch in Mainz oder Coblenz im Verlauf von zwanzig Jahren eingedrungen, als in Strassburg seit der ersten Besitznahme. Wir alle nennen das Französische nur französisch, der Elsasser nennt es immerfort lieber welsch, und welsch und fremd, unheimlich und unvereinlich ist es ihm, Gott sey Dank, bisher geblieben. Was von der Hauptstadt gilt, gilt auch don dem mit Unrecht verleumdeten Colmar, worin blos so viel Beamtenvolk aus Frankreich nisten soll; und nun gar vom Land und dem herrrlichen Gebirgsstrich, wo man die ganze gründliche teutsche Art und unser stilles, dauerndes Wesen wiederfindet. Es ist ja überhaupt gewiss und im Zweifel nicht zu vergessen: was unsere Sprache redet, ist unseres Leibs und Bluts und kann unteutsch heissen, allein nicht unteutsch werden, so lange ihm dieser Lebensathem aus und ein geht.

    Was schlägt es nun aus, daß ein Paar gereizte Bauern und meinetwegen Dorfschaften, gedrangsalt von Krieg und Kriegsnoth, und vielleicht behandelt, wie nur die verdient haben, zu welchen man sie jetzt auch innerlich gesellen will, gesagt haben sollen, sie begehrten keine Rückkehr zu uns, sondern lieber wie bisher zu bleiben? Dergleichen alles kann ein elsaßer Bauersmann, und nicht blos ein Elsaßer, sondern ein pfälzischer, trierischer, geredet und geglaubt haben, ohne daß er im geringsten französisch wäre, und man brauchte nur aus andern öffentlichen Äußerungen dem Einzelnen anderes Einzelnes entgegen zu stellen. Mit dem wahren teutschen Sinn und mit der rechten Vaterlandsliebe insgemein, ist es so beschaffen, daß sie von selbst und verborgen in der Brust wächst, und da ist sie an ihrer Stelle, wenn sie auch vielleicht im ganzen Leben nicht zur Sprache gelangt. Dem Landmann liegt zunächst, was seinen Hausstand und seine Persönlichkeit anrührt, am Herzen; aber alles Weitergehende, Öffentliche ist seine Meynung seltener, und darum unverdorben und gut; aber sobald der rechte Punkt getroffen wird, bricht sie aus, und es giebt Teutschgesinnte in großer Menge, die es nie gewußt oder überlegt haben, daß, noch warum sie es sind. Bey dem elsasischen Volk kommt hinzu, daß es vor der Revolution in vielem Äusseren gelind und mild regiert, und bey manchen seiner Eigenthümlichkeiten und Rechte gelassen worden war, wie nicht andere Länder mitten in Teutschland. Das Andenken hieran, neben dem Bewußtseyn der langen, äusserlich gewohnten und gesetzlich anerkannten französischen Ober-Herrschaft, hat eine nicht so wegzuläugnende Rechtlichkeit, und darf dem gemeinen Manne, wenn ihm etwa Rheinbündner hoch und zierlich von Teutschland redeten, nicht vorgeworfen werden; der gebildete Elsaßer sieht freylich weiter und drüber hinaus. Nur in einem Gefühl waren Vornehme, Bürgern und Bauern einig, in der entschiedenen Abneigung vor dem badischen und würtembergischen Unwesen, das sie tagtäglich vor Augen sahen, und woran bald näher Theil nehmen zu müssen, man ihnen Aussicht machte. Für eine freye, eigene Verfassung stimmen sie Alle, die fast nichts mehr von Adel (abgetragenem und abgestandenem) wissen, wie er im nördlichen Teutschland neuerdings wieder spucken will, und welche die Revolution selbst darin bestärkt hat, den offenen Blick auf ihre innere Einrichtung zu erhalten.

    [...]

    Die Elsaßer sind und hören uns von Gott und Rechtswegen, darum sollen wir nicht gegen unser eigen Fleisch sprechen, sondern warten bis ein gutes Schicksal uns mit Ehren zu ihnen, und sie ohne Sünde zu uns führe. Die Geschichte hat nicht vergessen, aber ihre Herzen längst, (wie Kinder auch sollen gegen ihre Mutter) daß die vom Feind geängstigte, Kaiser und Reich um Hilfe flehende Stadt, ohne Erbarmen gelassen wurde; wohl aber wissen noch die Straßburger, wie der höhnische Louvois, aus Verachtung ihrer angestammten Reichsfreyheit, nicht einmal Bedingungen abschliessen wollte, endlich ein Blatt aus einem alten Buche riß, etwas darauf kritzelte und darauf durch das kleine Pförtchen seinen ersten Einzug hielt.

    Word Count: 745

    Source Reference

    Rheinischer Merkur, 6 August 1814, following identification by Berthold Friemel, “Unpreußische Ansichten: Dokumente und Tatsachen zum politischen Engagement der Brüder Grimm 1813-1815”, Brüder Grimm Gedenken 11 (1995).

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