Geehrter herr!
Es hat sich eine gesellschaft gestiftet, welche durch ganz Deutschland ausgebreitet werden soll, und zum ziele nimmt, alles, was unter dem gemeinen deutschen landvolke von lied und sage vorhanden ist, zu retten und zu sammeln. noch ist unser vaterland aller enden ausgestattet mit diesem gut, das unsere vorfahren auf uns fortgepflanzt, das allem spott und hohn, womit es beworfen worden, zum trotz, im verborgenen, seiner eigenen schöne unbewust, fortlebt, und seinen unverwüstlichen grund allein in sich selber trägt. ohne es genauer zu erforschen, vermögen weder unsere poesie, noch geschichte, noch sprache in ihren alten und wahrhaftigen ursprungen ernstlich verstanden zu werden. wir lassen es uns in dieser absicht angelegen sein, nachstehende gegenstände fleiszig aufzuspüren und treulich aufzuschreiben:
1.volkslieder und reime, die bei unterschiedlichem jahresanlasz, an festen, in spinnstuben, auf tanzböden und während der verschiedenen feldarbeit gesungen werden; zunächst solche, die epischen inhalts sind, d.h. worin eine begebenheit vorgeht; wo möglich mit ihren worten, weisen und tönen selbst.
2.sagen in ungebundener rede, ganz besonders sowol die vielfachen ammen- und kindermährchen von riesen, zwergen, ungeheuern, verwünschten und erlösten königskindern, teufeln, schätzen und wünscheldingen, als auch localsagen, die zur erklärung gewisser örtlichkeiten (wie berge, flüsse, seen, sümpfe, zertrümmerte Schlösser, thürme, steine und alle denkmäler der vorzeit sind) erzählt und gewust werden. auf thierfabeln, worin zumeist fuchs und wolf, hahn, hund, katze, frosch, maus, sperling u.s.w. auftreten, ist sonderlich zu achten.
3.lustige schalksknechtsstreiche und schwänke; puppenspiele von altem schrot, mit hanswurst und teufel.
4.volksfeste, sitten, bräuche und spiele; feierlichkeiten bei geburt, hochzeit und begräbnis; alte rechtsgewohnheiten, sonderbare zinsen, abgaben, landeserwerb, grenzberichtigung u.s.w.
5.aberglaube von geistern, gespenstern, hexen, guter und böser vorbedeutung; erscheinungen und träume.
6.Sprichwörter, auffallende redensarten, gleichnisse, wortzusammensetzungen. —
Es ist vor allem daran gelegen, dasz diese gegenstände getreu und wahr, ohne schminke und zuthat, aus dem munde der erzählenden, wo thunlich in und mit deren selbsteigenen worten, auf das genaueste und umständlichste aufgefaszt werden, und was in der lebendigen örtlichen mundart zu erlangen wäre, würde darum von doppeltem werthe sein, wiewol auf der andern seite selbst lückenhafte bruchstücke nicht zu verschmähen sind. denn es können alle abweichungen, wiederholungen und recensionen einer und derselben sage im einzelnen wichtig werden, und durch die trügerische meinung, dergleichen sei bereits gesammelt und aufgezeichnet, darf man sich keineswegs eine erzählung von sich abzuweisen verleiten lassen; wie denn auch manches, was modern erscheint, oftmals nur modernisiert ist, und seinen unverletzlichen grund unter sich hat. eine vertrautere bekanntschaft mit dem gehalte dieser volkspoesie wird über vermeintlich einfältige, rohe und gar abgeschmackte zöge derselben allmählig bescheidener urtheilen lehren. insgemein aber Iäszt sich noch folgendes anführen, dasz obgleich eigentlich fast kein strich von ihr gänzlich verlassen und entblöszt sein dürfte, dennoch vor groszen städten die landstädte, vor diesen die dörfer, unter den dörfern aber allermeist stille, unbefahrene, in wald und gebirg liegende damit begabt und gesegnet sind. gleichfalls bei gewissen ständen, als hirten, fischern,bergmännern, haftet sie stärker, und diese sind vorzugsweise, wie überhaupt alte leute, frauen und kinder, welche sie frisch ins gedächtnis empfangen haben, zu befragen.
In fester zuversicht, dasz Sie, geehrtester herr, von der nützlichkeit und dringlichkcit unsers zweckes, der sich bei dem heut zu tage immer mehr einreiszenden untergange und abschleifen der volkssitten nicht länger ohne groszen schaden aufschieben läszt, bewegt werden, unserem unternehmen helfende hand zu bieten, und in der lage wohnen, um die gegend von solcher absicht gemäsz zu durchforschen, sind Sie zum mitgliede dieser gesellschaft ausersehen worden. dieselbe wünscht im stillen fleiszig zu sammeln und ihr werk zu fördern, nicht aber öffentlich in tageblättern von sich und ihrem löblichen vorhaben reden zu hören, indem sie von der meinung mit ausgehet, es könne dieses nur in bescheidenheit, meidung alles eiteln aufsehens und in reiner lust am guten glücklich wurzel fassen, und recht gegründet werden. dahin gehört auch, dasz kein theilnehmer gehalten ist, binnen gewisser zeit seinen beitrag einzusenden, sondern jeder thue, wann, wo und wie er könne; wer zu hause keine musze erübrigt, findet auf reisen vielleicht anlasz dazu.
Schlieszlich werden Sie ersucht, der ordentlichen aufbewahrung des eingehenden halben, jeden gegenstand auf ein einzelnes blatt zu bringen, auch darauf ort und landschaft und zeit, wo er gesammelt worden, und neben Ihrem namen nötigenfalls den des erzählers mit zu bemerken.
Im namen und auftrag der gesellschaft
N.s. wir laden Sie noch ausdrücklich ein, in archiven und klöstern Ihrer gegend nach altdeutschen büchern und handschriften zu spüren nicht zu versäumen, und uns von deren gelegenheit durch den unterzeichneten in kundschaft zu setzen.
</div>Word Count: 821
In 1814 Jacob Grimm, as secretary to the Hessian delegation at the Congress of Vienna, was introduced into an informal gathering of intellectuals at the inn Zum Strobelkopf in the Wollzeile, a street in the inner city. The gathering regularized itself into an informal association, the “Wollzeiler Gesellschaft”, around their common interest in old and traditional literature, and a circular letter was printed canvassing materials from various correspondents. The inventory of topics and genres of popular culture and oral literature shows the hand of Grimm, as does the insistence that the materials be collected in unadorned, authentic form, and if possible accompanied by the name of the informant. While the circular letter failed to elicit any meaningful response, it does stand at the beginning of foklore collecting in Germany, showing a definite step forward from the questionnaire of the Parisian Académie Celtique (of which Grimm had been made a member in 1805).
Word Count: 151
Geehrter herr!
Es hat sich eine gesellschaft gestiftet, welche durch ganz Deutschland ausgebreitet werden soll, und zum ziele nimmt, alles, was unter dem gemeinen deutschen landvolke von lied und sage vorhanden ist, zu retten und zu sammeln. noch ist unser vaterland aller enden ausgestattet mit diesem gut, das unsere vorfahren auf uns fortgepflanzt, das allem spott und hohn, womit es beworfen worden, zum trotz, im verborgenen, seiner eigenen schöne unbewust, fortlebt, und seinen unverwüstlichen grund allein in sich selber trägt. ohne es genauer zu erforschen, vermögen weder unsere poesie, noch geschichte, noch sprache in ihren alten und wahrhaftigen ursprungen ernstlich verstanden zu werden. wir lassen es uns in dieser absicht angelegen sein, nachstehende gegenstände fleiszig aufzuspüren und treulich aufzuschreiben:
1.volkslieder und reime, die bei unterschiedlichem jahresanlasz, an festen, in spinnstuben, auf tanzböden und während der verschiedenen feldarbeit gesungen werden; zunächst solche, die epischen inhalts sind, d.h. worin eine begebenheit vorgeht; wo möglich mit ihren worten, weisen und tönen selbst.
2.sagen in ungebundener rede, ganz besonders sowol die vielfachen ammen- und kindermährchen von riesen, zwergen, ungeheuern, verwünschten und erlösten königskindern, teufeln, schätzen und wünscheldingen, als auch localsagen, die zur erklärung gewisser örtlichkeiten (wie berge, flüsse, seen, sümpfe, zertrümmerte Schlösser, thürme, steine und alle denkmäler der vorzeit sind) erzählt und gewust werden. auf thierfabeln, worin zumeist fuchs und wolf, hahn, hund, katze, frosch, maus, sperling u.s.w. auftreten, ist sonderlich zu achten.
3.lustige schalksknechtsstreiche und schwänke; puppenspiele von altem schrot, mit hanswurst und teufel.
4.volksfeste, sitten, bräuche und spiele; feierlichkeiten bei geburt, hochzeit und begräbnis; alte rechtsgewohnheiten, sonderbare zinsen, abgaben, landeserwerb, grenzberichtigung u.s.w.
5.aberglaube von geistern, gespenstern, hexen, guter und böser vorbedeutung; erscheinungen und träume.
6.Sprichwörter, auffallende redensarten, gleichnisse, wortzusammensetzungen. —
Es ist vor allem daran gelegen, dasz diese gegenstände getreu und wahr, ohne schminke und zuthat, aus dem munde der erzählenden, wo thunlich in und mit deren selbsteigenen worten, auf das genaueste und umständlichste aufgefaszt werden, und was in der lebendigen örtlichen mundart zu erlangen wäre, würde darum von doppeltem werthe sein, wiewol auf der andern seite selbst lückenhafte bruchstücke nicht zu verschmähen sind. denn es können alle abweichungen, wiederholungen und recensionen einer und derselben sage im einzelnen wichtig werden, und durch die trügerische meinung, dergleichen sei bereits gesammelt und aufgezeichnet, darf man sich keineswegs eine erzählung von sich abzuweisen verleiten lassen; wie denn auch manches, was modern erscheint, oftmals nur modernisiert ist, und seinen unverletzlichen grund unter sich hat. eine vertrautere bekanntschaft mit dem gehalte dieser volkspoesie wird über vermeintlich einfältige, rohe und gar abgeschmackte zöge derselben allmählig bescheidener urtheilen lehren. insgemein aber Iäszt sich noch folgendes anführen, dasz obgleich eigentlich fast kein strich von ihr gänzlich verlassen und entblöszt sein dürfte, dennoch vor groszen städten die landstädte, vor diesen die dörfer, unter den dörfern aber allermeist stille, unbefahrene, in wald und gebirg liegende damit begabt und gesegnet sind. gleichfalls bei gewissen ständen, als hirten, fischern,bergmännern, haftet sie stärker, und diese sind vorzugsweise, wie überhaupt alte leute, frauen und kinder, welche sie frisch ins gedächtnis empfangen haben, zu befragen.
In fester zuversicht, dasz Sie, geehrtester herr, von der nützlichkeit und dringlichkcit unsers zweckes, der sich bei dem heut zu tage immer mehr einreiszenden untergange und abschleifen der volkssitten nicht länger ohne groszen schaden aufschieben läszt, bewegt werden, unserem unternehmen helfende hand zu bieten, und in der lage wohnen, um die gegend von solcher absicht gemäsz zu durchforschen, sind Sie zum mitgliede dieser gesellschaft ausersehen worden. dieselbe wünscht im stillen fleiszig zu sammeln und ihr werk zu fördern, nicht aber öffentlich in tageblättern von sich und ihrem löblichen vorhaben reden zu hören, indem sie von der meinung mit ausgehet, es könne dieses nur in bescheidenheit, meidung alles eiteln aufsehens und in reiner lust am guten glücklich wurzel fassen, und recht gegründet werden. dahin gehört auch, dasz kein theilnehmer gehalten ist, binnen gewisser zeit seinen beitrag einzusenden, sondern jeder thue, wann, wo und wie er könne; wer zu hause keine musze erübrigt, findet auf reisen vielleicht anlasz dazu.
Schlieszlich werden Sie ersucht, der ordentlichen aufbewahrung des eingehenden halben, jeden gegenstand auf ein einzelnes blatt zu bringen, auch darauf ort und landschaft und zeit, wo er gesammelt worden, und neben Ihrem namen nötigenfalls den des erzählers mit zu bemerken.
Im namen und auftrag der gesellschaft
N.s. wir laden Sie noch ausdrücklich ein, in archiven und klöstern Ihrer gegend nach altdeutschen büchern und handschriften zu spüren nicht zu versäumen, und uns von deren gelegenheit durch den unterzeichneten in kundschaft zu setzen.
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